Ein Bär mit Spitzenschürze

Sehr geehrter Herr Brummel,

wie ich einer Mail von Ihnen entnahm, halten Sie Puppengeschichten für blöd und verlangen stattdessen Eisenbahngeschichten.

IMG00051c.JPGDerer fallen mir viele ein, unzählige Male vorgelesen z.B. „Tschutschu, die kleine Eisenbahn“, erst dem Matz, als der noch ein Matz war, und jetzt Magda und Ada, denen ihr Vater schon von ihren Babybeinchen an eine gewisse Vorliebe für seine Märklinbahn zu vermitteln wusste (dann durfte er selber wieder mal damit spielen!) und die sich zudem recht häufig von der Deutschen Bundesbahn kutschieren lassen.

Aber heute haben Sie mich zu einem Bericht, besser einer Beichte, animiert, die ihr zugrunde liegende Sünde liegt mir schon seit langem schwer auf der Seele.

Es geschah im Jahre 1945 oder war es 1946? Also kurz nach dem Krieg.

Wir wohnten damals mit Mutter und Großmutter in Naumburg in einem großen Haus, das für Wochen oder auch Monate der Begehrlichkeit der sowjetischen Besatzungsmacht anheim fiel. Man quartierte uns aus und um in die Breithauptstraße in ein schönes altes Haus, zu dem ein kleiner Hof gehörte, an den ein schöner alter Garten grenzte.

Wir Mädchen pflegten uns mit Nachbarskindern unter der hölzernen Veranda zum Spielen zu versammeln, zuweilen mit unseren Puppen. Eines Tages gesellte sich ein Junge zu uns, in seinen Armen ein Teddybär.

Damals war noch nicht die Rede von dem Durchbrechen alter Rollenbilder. Man hätte mit uns auch keineswegs ein entsprechendes Gespräch geführt und uns etwa nahe gelegt, unsere Puppen beiseite zu legen und etwas technisch Orientiertes zu spielen.

Ich war damals 4, allenfalls 5 Jahre alt. Jedenfalls kam uns die Sache mit einem Jungen, der mit einem Bären spielte, etwas merkwürdig vor. Zudem trug dieser Bär eine weiße Schürze! Nicht mehr und nicht weniger, nur die, eine weiße Schürze. Mit Lochstickerei und Spitzen umsäumt.

Ich bin allgemein ein toleranter Mensch und gönne meinen Mitmenschen ein ordentliches Auskommen, damals, wie heute. Aber das erschien mir als eine Zumutung! Ein Bär, der eine weiße Schürze trug. Sehr sonderbar und schlimmer: Ich gönnte sie ihm nicht. Meiner Helga stünde sie doch wesentlich besser zu Gesicht.

Ich weiß nicht mehr, wie es genau war, der Junge ließ wohl, als er zum Essen gerufen wurde, die Schürze liegen. Das ließ meine Skrupel schwinden. Ein schneller Griff, und die Schürze war mein.

Meiner Mutter und meiner Großmutter zu Ehren muss gesagt werden: Ich wusste sehr genau, dass das, was ich da tat, unrecht war. Ich hatte auch gehörigen Bammel, meine Helga in diesem Kleidungsstück meiner Mutter unter die Augen treten zu lassen. Also verschwand die Schürze erst mal in der unteren linken Schublade unseres Puppenkleiderschrankes, wo sie allerdings alsbald meiner Mutter beim Aufräumen in die Hände fiel und sofort als nicht zu uns gehörig erkannt wurde.

Es erfolgte ein strenges Verhör, ich gestand und erhielt die Auflage, das geklaute Stück dem Eigentümer unverzüglich zurück zu geben.

IMG00061c.JPGIch habe mich das nicht getraut und sicherlich dieserhalb meine Mutter beschwindelt. Die Schürze blieb, wo sie war, versteckt im Kleiderschrank, denn sie hatte jeglichen Reiz verloren.

Unrecht Gut gedeihet nicht. Wir haben das alle gelernt.

Gelernt haben wir auch, dass Jungen mit Bären und auch mit Puppen kuscheln und spielen dürfen. Matz nannte seinen „Angelika“.

Der Schürzenraub hat mir immer auf der Seele gelegen. Nun, nachdem ich gebeichtet habe, ist mir wohler. Können Sie, Herr Brummel, mir - quasi in Stellvertretung Ihres unglücklichen, seiner Schürze beraubten Kollegen – Absolution erteilen?

Aber, sagen Sie mal ehrlich: Ein Teddybär mit Spitzenschürze?

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