Draußen spielen 1

Wir haben draußen gespielt in den 50er Jahren. Unsere Kindheit war nicht bewirtschaftet, wir verbrachten sie weder vor dem Fernseher noch im Auto zwischen Terminen.

Draußen: in den Gärten, auf der Straße, im Park, in der alten Fabrik, auf Trümmergrundstücken, Böschungen und in Wäldchen, am Strand und im Sandkasten, auf der Wiese. Überall gab es Dinge zum Spielen, Orte, die einluden, sich auszuprobieren. Bäume und Boote, Schlitten und Fahrräder. Stelzen. Wir sind auf Zäunen geritten, haben Schneemänner gebaut, sind auf Spielplatzgerüsten und Bäumen bis in den Himmel geklettert.

3enten.JPGWir haben immer jemanden zum Spielen gefunden. Es gab so viele Kinder. Man konnte einfach hingehen und mitspielen. Man fragte vorher oder war einfach mit dabei. Viele Spiele haben wir uns gegenseitig beigebracht. Kein Erwachsener wäre auf die Idee gekommen, uns Verstecken und Fangen, Hüpfkästchen, Reigenlieder und Kreisspiele beizubringen. Wir lernten voneinander, eine Kindergeneration von der anderen.*

baeume.JPGLange haben wir Sport und Spiel nicht getrennt. Waren ehrgeizig im Träumen und lässig im Sprung über Hecken und von Treppenstufen. Wir maßen unsere Kräfte, liefen nur so herum, spielten Fangen, Verstecken, sprangen über Hecken, Zäune, Papierkörbe im Park, gar über Bänke. Die Kleinsten übten an der Sandkistenbegrenzung. Wir ließen Drachen steigen. Kindheit war auch damals kein Idyll, aber die Spielmöglichkeiten waren unbegrenzt. Nicht nur in der Kleinstadt oder auf dem Dorf, auch in den großen Städten, habe ich mir sagen lassen.

Wiese.JPGDie Erwachsenen hatten wenig Zeit, uns zu beaufsichtigen. Auch da, wo in den mittleren und späteren 50er Jahren die Mütter normgemäß zu Hause blieben, waren wir nicht beaufsichtigt. Es gab feste Zeiten fürs Mittagessen und um halb sieben musste man zu Hause sein – man fragte einen Erwachsenen nach der Uhrzeit oder richtete sich nach der Uhr an der großen wilhelminischen Kaserne, am Kirchturm oder sonst einem öffentlichen Gebäude in der Nähe.

graben.JPGEs gab viel mehr offene, nicht asphaltierte Flächen, in die man Muster für “Himmel und Hölle” oder andere Hüpfkästchen mit dem Stöckchen einritzen konnte. Wo man Kuhlen für das Murmelspiel aushob. Wir hoben Gruben aus und hatten unsere Lieblingskletterbäume. Wir versteckten uns in Höhlen im dichten Fliederstrauch oder unter Brücken. Wir ritten auf Mauern und Holzzäunen. Wir balancierten auf Bordsteinkanten und Metallrohrzäunen.

Die Draußenspielorte waren durch Elterngebot begrenzt: bis zu einer bestimmten Straße, einem Graben oder Waldrand. Aber sie gingen weit über den heimischen Gartenzaun hinaus.

boeschung.JPGEs gab noch viel Niemandsland: am Rande von Parkanlagen und Gärten, an Stadtgräben, auf freien Grundstücken, in verwilderten Gärten, auf Brachflächen zwischen Neubaugebieten und Ackerland, an Bahndämmen. Dieses Land gehörte uns, auch wenn uns ab und zu Erwachsene vertrieben. Wir siedelten uns immer wieder an.
Wir spielten mit Pflanzen, Tieren, mit Dingen, die wir fanden. Wir brachten Spielgeräte mit: Bälle, Murmeln, Springseile, Schlitten, Puppenwagen.

kinderspiele600.jpgUm das Spielen, auch das Draußenspielen, zu einer Sache Ein- bis Zwölfjähriger zu machen, musste erst eine Kindheit als gesonderter Lebensabschnitt „erfunden“ werden. Wann das Bild von Pieter Bruegel d. Ä. seinen Namen “Kinderspiel” (links, draufklicken für vergrößerte Ansicht) erhielt, ist mir nicht bekannt. Aber wir sehen da Erwachsene, Halbwüchsige und Kinder spielen. Viele der dargestellten Spiele sind bis heute bekannt. Und sie waren schon damals keineswegs neu.

Viele “Draußenspiele” sind sehr alt und haben ihren Ursprung in kultischen Handlungen. Wenn ich an die Ernsthaftigkeit, die Versunkenheit, die Inbrunst denke, die zu unseren Spielen gehörte, waren wir davon gar nicht weit entfernt.

In loser Folge werden wir über das Draußenspielen schreiben – quer durch die Zeiten.

Wie haben Sie Verstecken, Fangen, Hüpfkästchen gespielt? Im Forum kann in Erinnerungen geschwelgt und über Spielregeln diskutiert werden.

Bildnachweis
1-6: Heidrun Uta Ehrhardt
7: Pieter Bruegel d. Ä.: Kinderspiele, 1560 datiert, Eichenholz, 118 x 161 cm, Kunsthistorisches Museum, Wien, www.khm.at

Anmerkung
* Kinderspiele, Spielregeln als mündliche, körperliche Tradierung von einer Kindergeneration zur nächsten sind einer wissenschaftlichen Aufarbeitung wert. Wer schreibt darüber? Hinweise dazu gern an info@spielzeuggeschichten.de

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