Draußen spielen 2 – Reifen

hula_hoop.jpgWas ist das? Was lässt das kleine Mädchen hier so strahlen?

Es ist das neue Spielzeug (oder Sportgerät?) für Junge und Junggebliebene: In den 1950er Jahren kommt der Hula-hoop-Reifen auf. Der große bunte Plastikreifen wird um Hüften oder Taille geschwungen. Manche können ihn stundenlang kreisen lassen. Man stelle sich vor: ein Mädchen in Dreiviertelhosen mit flachen Schuhen und einem kleinen Nicki-Tuch um den Hals geknotet, die Frisur dazu ist der Pferdeschwanz. Und der Hüftschwung bringt den Hula hoop in Fahrt. Toll!

Manche können zwei oder mehrere Reifen gleichzeitig in der Schwebe halten. Die Grenze zur Akrobatik im Varieté ist überschritten, wenn es mehr und mehr und mehr Reifen werden, die sich von den Hüften immer höher drehen, bis sie um den Hals laufen.

Hula-hoop war modern in den 50ern. Das kleine Mädchen oben hält solch einen Reifen. Aber hier soll es gar nicht um den Hula-hoop gehen. Hier geht es um etwas ganz anderes.

Reif_Spielzeug.jpgNämlich um dies hier (Bild rechts):
Was war das? In den 50er Jahren fanden wir im Keller alte Reifen aus Holz. Die Holzreifen waren etwas schmaler und minimal geringer im Durchmesser als der Hula-hoop. Die Farben waren verblasst, ein staubiges Rot und ein dunkles Blau haben wir gesehen. Wir wussten nichts damit anzufangen, erfuhren dann aber von den Erwachsenen, wie der Reifen früher durch die Straßen und Parkwege getrieben wurde. Das hat uns nur flüchtig interessiert. Wo die alten Reifen hingekommen sind, weiß ich nicht. Sie waren zu scharfkantig, um angenehm um die Taille zu kreisen.

In den Ferien an der Nordsee lernten wir das populäre Hamburger Lied vom Jung mit ‘n Tüdelband und stellten uns darunter ein immer wieder aufgedröseltes und neu verschlungenes oder geknotetes Stück Bindfaden vor. Hat der Hamburger Jung damit Schifferknoten geübt?

reifenbrueghel_1.jpgWeit gefehlt! In einem Internetforum weiß eine Teilnehmerin (Bettina Carstensen aus Hamburg) zu berichten: “Gemeint ist sowas wie ein Trudelreifen. Dieser Radreifen war aus Eisen. Sowas haben Kinder zu Zeiten meiner Großeltern (Jg. 1901) manchmal auf der Straße gefunden. Mit Stockschlägen wurde dieser dann durch die Straße getrieben.”(1)

Das Tüdelband war ein Reifen aus Metall, wie er Fässer zusammenhält. Er blieb übrig, wenn das Fass zerschlagen war.
Diesen Fassreifen sieht man schon auf einem Gemälde von Pieter Bruegel d. Ä. von 1560 “Kinderspiele” (Bild oben links).

GanymedeBerlinPainter.jpgAber das Spiel ist viel älter. Schon im alten Griechenland war der Reifen bekannt; auf dem antiken Vasenbild (rechts) treibt Ganymed mit einem kleinen Stöckchen den Reifen.

Die Spieltradition des Reifentreibens scheint nie unterbrochen worden zu sein, wie das Bruegel-Gemälde zeigt.

Und nicht zuletzt stellte Dr. Heinrich Hoffmann in einer seiner Struwwelpeter-Geschichten den Reifen als wichtiges Kennzeichen eines frechen Buben heraus.

410px_H_Hoffmann_Struwwel_09.jpg

In der “Geschichte von den schwarzen Buben”(2) reimte er:

“Da kam der Ludwig hergerannt

Und trug sein Fähnchen in der Hand.

Der Kaspar kam mit schnellem Schritt

Und brachte seine Brezel mit.

Und auch der Wilhelm war nicht steif

Und brachte seinen runden Reif.”

Im oben schon genannten Hamburger Lied der Brüder Wolf(3) heißt es:

“An de Eck steiht ‘n Jung mit ‘n Tüddelband

in de anner Hand ‘n Bodderbrood mit Kees,

wenn he bloss nich mit de Been in ‘n Tüddel kümmt

un dor liggt he ok all lang op de Nees, …”.(4)

Kind_mit_Schlagreif.jpgKlar, wenn er hinter dem Reif herlief, ihn mit dem Stöckchen über Straßen und Bürgersteige trieb, gar um die Ecken, dann wird er leicht mit den Beinen durcheinandergekommen und auf der Nase gelandet sein.

Auch zu den Holzreifen, wie wir sie im Keller gefunden hatten, gehörte ein Stöckchen. Wie das Tüdelband laut scheppernd übers Stadtpflaster getrieben wurde, so rollte der Reifen über ordentlich geharkte Parkwege oder gepflegte Rasenflächen. Auf vielen Bildern scheint der Reifen fast so etwas wie ein Statussymbol gut situierter und braver Bürgerkinder zu sein. Oder auch eine Insignie kindlicher Sorglosigkeit. Wesentlich scheint er Jungenspielzeug (Bild rechts) gewesen zu sein, aber Bilder von kleinen Mädchen (Bild unten) mit Reif gibt es auch.

reifwunderh.jpgBilder von Reifen und Tüdelbändern finden sich bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Ob sie nach dem Ersten Weltkrieg noch zum Spielen benutzt wurden, weiß ich nicht. Im Internet kann man aber Bilder anschauen, auf denen heutzutage Hula-hoop-Reifen wie damals über eine längere Strecke getrieben werden. Eine schöne Herausforderung: Man treibt den Reifen mit der Hand oder einem Stöckchen vor sich her, muss schnell genug sein, dass man synchron mit ihm läuft, darf ihn nicht so heftig anstoßen, dass er einem davonrollt, er muss auf einer geraden Bahn bleiben, darf nicht nebenan auf den Rasen trudeln.

Und damit schließt sich der Kreis von Tüdelband, Reifen und Hula-hoop.

Anmerkungen
1) http://www.wer-weiss-was.de/theme197/article1700391.html (18.3.2007).
2) Auf diese Geschichte kann ich nicht Bezug nehmen, ohne darauf hinzuweisen, dass sie oft als Beispiel für Rassismus zitiert wird. Der R. besteht hier nicht in der Darstellung eines Menschen mit dunkler Hautfarbe, sondern darin, dass das Schwarzmachen der Buben im Tintenfass als Strafe dargestellt wird, mithin das Dunkle als das Schlechte gebrandmarkt wird.
3) “Das Lied auf den ‘Hamborger Jung’, der in der einen Hand ein ‘Bodderbrot mit Käs’ hält, während er per Stock einen Metallreifen, das Tüdelband, übers Kopfsteinpflaster treibt, stammt von Ludwig Isaac, der aus einer jüdischen Familie von Sängern und Revuestars stammte. Als Gebrüder Wolf nahmen die Isaacs zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehr als 60 Schallplatten mit ebenso derben wie eingängigen Couplets auf, spielten die Hauptrollen in einem Stummfilm, feierten im europäischen Ausland Erfolge und besaßen schließlich sogar das Operettenhaus auf St. Pauli.” Aus: http://www.zeit.de/2003/47/M-T_9fdelband (1.4.2007).
4) Im oben genannten Internet-Forum zitiert Fritz Ruppricht das ganze Lied, hier die erste Strophe:
“An de Eck steiht ‘n Jung mit ‘n Tüddelband
in de anner Hand ‘n Bodderbrood mit Kees,
wenn he bloß nich mit de Been in’n Tüddel kümmt
un dor liggt he ok all lang op de Nees
un he rasselt mit ‘n Dassel op ‘n Kantsteen
un he bitt sick ganz geheurig op de Tung,
as he opsteiht, seggt he: hett nich weeh doon,
ischa ‘n Klacks för ‘n Hamborger Jung
Refrain:
Jo, jo, jo, klaun, klaun, Äppel wüllt wi klaun,
ruck zuck övern Zaun,
Ein jeder aber kann dat nich, denn he mutt ut Hamborg sien.”
Zitiert nach: http://www.wer-weiss-was.de/theme197/article1700391.html (18.3.2007)

Bildnachweis
1: http://www.fiftiesweb.com/pop/hula-hoop.htm
2: Junge mit Reifen (Spielzeug), um 1902-1905. Der 1900 geborene Sohn eines aus Mecklenburg stammenden königlich preußischen Offiziers, fotografiert in Straßburg im Elsass, trägt einen Kinder-Paletot im Stil der populären Matrosenanzüge. Private archive. Scanned by Andreas Praefcke. http://de.wikipedia.org/wiki/Reifen_%28Spielzeug%29 (18.3.2007).
3: Ausschnitt aus Pieter Bruegel d. Ä.: Kinderspiele, 1560 datiert, Eichenholz, 118 x 161 cm, Kunsthistorisches Museum, Wien, www.khm.at
4: Vasenbild, Louvre, Paris, Abbildung aus: http://en.wikipedia.org/wiki/Image:Ganymede_with_cockerel_and_hoop_-_Louvre.jpg
5: Der Struwwelpeter: Die Geschichte von den schwarzen Buben Tafel 1, aus: Heinrich Hoffmann: Der Struwwelpeter; Frankfurt am Main: Literarische Anstalt Rütten & Loening, 1917 (400. Auflage); Exemplar der Universitätsbibliotek Braunschweig Signatur: 2007-0968, Abbildung aus: http://commons.wikimedia.org/wiki/Struwwelpeter?uselang=de
6: Porträt eines Kindes mit Schlagreif (anonym, 19. Jh), aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Kind_mit_Schlagreif.jpg (1.4.2007).
7: Farbdruckbild von W. Claudius, aus: A. Cosmar: Schicksale der Puppe Wunderhold, Sechzehnte verbesserte Auflage, s. auch: http://spielzeuggeschichten.de/archives/15

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