Draußen spielen 6 - Äpfel klauen

apfelauge.jpgHaben Sie einen Garten mit einem Apfelbaum darin?

Haben Sie je ein Nachbarskind erwischt, wie es – die Taschen dick von geklauten Äpfeln – gerade über den Zaun flüchten wollte?

Das ist doch kein Spiel! Das ist doch Diebstahl. Verwerflich.

Ach, es war so schön.

Für uns war es Teil des Spielens, Herausforderung und Mutprobe. Sicher nichts, was die Erzieherin im Kindergarten einem beigebracht hätte.

Spiele, die beginnen mit: “Du traust dich bestimmt nicht” oder: “Sollen wir nicht mal wieder …?”

Es ging nicht nur um Äpfel. Es ging um die Verlockung jenseits des Zaunes. Die Kirschen in Nachbars Garten … die schmecken ja so süß.

Auch wenn es kleine, graue, steinharte Birnen waren, an denen man sich zum ersten Mal einen Milchzahn ausbiss.

Manche Nachbarn schimpften fürchterlich, wenn sie einen erwischten. Oder wenn wir entwischt waren und sie das Nachsehen hatten.

Es gab auch Nachbarn, die einem das Obst aufdrängten, das viel zu viel für einen Haushalt am Baum hing. Fallobst durften wir ohnehin einsacken. Gut geschmeckt hat’s ja. Aber ein Abenteuer war es nicht. Auch wenn man sich mit den Wespen herumärgern musste, die schon in Scharen gefährlich um das Fallobst summten.

Äpfelklauen - bei uns Äppelklaun - war zu unserer Zeit Spiel, zu anderen Zeiten war es bitterer Ernst. Wie viele Kinder haben nach dem Krieg zur Ernährung ihrer Familie beigetragen, indem sie die Eigentumsverhältnisse zu ihren Gunsten auslegten. Vergessen wir nicht das “Fringsen”, den Kohlenklau vom Güterzug. Benannt so, weil der Kölner Kardinal Frings diesen Diebstahl in Hungerzeiten nicht als Sünde ansehen konnte. Nicht nur im Rheinland, auch in Norddeutschland kannte man das Wort fringsen. Die Erwachsenen grinsten, wenn sie es benutzten. Aber in den fünfziger Jahren war Obststehlen nicht mehr erlaubt, wurde nicht geduldet, sondern bestraft. Wenn sich auch die Erwachsenen nach ihren Erziehungsmaßnahmen eine verklärte Erinnerung an das Fringsen gestatteten.

Noch einmal der Refrain des Hamburger Liedes An de Eck steiht ‘n Jung, das uns schon an das Tüdelband erinnert hat:

Jo, jo, jo, klaun, klaun, Äppel wüllt wi klaun,
ruck zuck övern Zaun,
Ein jeder aber kann dat nich, denn he mutt ut Hamborg sien.

Nicht nur in Hamburg, wir konnten das auch anderswo: wo immer es Gärten gab mit Apfelbäumen darin.

Bildnachweis:
© Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen.
Kat.Nr. 62 C 104 des Sammlungsbestandes

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